Beschwörungsformeln als älteste althochdeutsche Dokumente
Der traumhaft an der Saale gelegene Merseburger Kaiserdom gilt als eine der bedeutendsten Kathedralbauten Deutschlands und ist ein Juwel an der Straße der Romanik. Der Merseburger Dom hütet seit Jahrhunderten einen ganz besonderen Schatz: die Merseburger Zaubersprüche.
Im 9. oder spätestens im 10. Jahrhundert wurden zwei magische Beschwörungsformeln, die aus vorchristlicher Zeit bis dahin mündlich überliefert worden waren, von einem Mönch fein säuberlich auf Pergament niedergeschrieben. Fast unscheinbar fügte sich das Einzelblatt in eine Schriftensammlung ein, gelangte durch Schenkung aus dem Kloster Fulda nach Merseburg. Erst im 19. Jahrhundert entdeckte Historiker Georg Waitz dieses weltweit einzigartige Schriftstück heidnischen Inhalts zufällig wieder. Die zwei Sprüche dienen der Befreiung eines Gefangenen und der Heilung eines verletzten Pferdefußes. Doch ihr Zauber geht weit über die eigentlichen Beschwörungen hinaus. Dank dieser schriftlichen Überlieferung erhalten wir einen unmittelbaren Einblick in die Kultur unserer Region vor über 1.000 Jahren, die Rhythmik und die Klangfülle der althochdeutschen Sprache und die Götterwelt der vorchristlichen Zeit. Jakob Grimm wählte die Merseburger Zaubersprüche zum Thema seiner Antrittsvorlesung bei der Berliner Akademie der Wissenschaften und würdigte sie als "Kostbarkeit, [der] keine Bibliothek in Deutschland ... etwas zur Seite zu stellen [habe]."
Aus konservatorischen Gründen wird das Original wie ein Schatz sicher in der Merseburger Domstiftsbibliothek verwahrt und nur zu ganz besonderen Anlässen und dann auch nur für kurze Zeit präsentiert.
Im Zauberspruchgewölbe in der Südklausur des Merseburger Doms ist eine detailgetreue handschriftlich gefertigte Abschrift der magischen Zeilen, ein so genanntes Faksimile, ausgestellt und der mystische Klang der gesprochenen Worte "Ben zibena bluot zibluoda" verzaubert den Zuhörer.




