Wittenberger Stadtführerin und Museumspädagogin Katja Köhler als Katharina von Bora

„Ich arbeite dort, wo Luther lebte und lachte“

Interview mit Katja Köhler

„Katharina von Bora war eine unglaublich kluge, geduldige und fleißige Frau“

Wittenberger Stadtführerin und Museumspädagogin Katja Köhler

Wittenberger Stadtführerin und Museumspädagogin Katja Köhler als Katharina von Bora

Katja Köhler schlüpft bei Stadtführungen gerne in die Rolle von Martin Luthers Ehefrau. Gleichzeitig kennt sie die authentischen Lutherorte Wittenbergs gut und ist Teamleiterin für kulturelle Bildung in den LutherMuseen in Wittenberg. Im Interview erzählt sie von ihrer Arbeit und gibt viele Insidertipps für die Stadt.

 

Stell dich doch bitte einmal vor:
Ich bin Katja Köhler und wohne in Wittenberg. Mein ganzes Leben dreht sich um Luther. Ich arbeite als Teamleitung für kulturelle Bildung im Lutherhaus und in den LutherMuseen. Jährlich besuchen uns an die 10.000 Schülerinnen und Schüler, die sich im Unterricht mit der Reformationsgeschichte beschäftigen. Neben der Arbeit im Museum bin ich seit 20 Jahren freie Stadtführerin und schlüpfe oft in die Rolle von Luthers Ehefrau Katharina von Bora. Das ist sehr vielseitig und immer noch toll nach all den Jahren. 

Hier wurde auf kleinstem Raum Weltgeschichte geschrieben: Der Buchdruck, die Kunst von Cranach, Luthers Thesen, all das geschah in einer Straße, die gerade mal 1,6 Kilometer lang ist. Und einige Orte, an denen die wichtigen Ereignisse passierten, sind bis heute in der originalen Ausstattung erhalten. Das ist unglaublich.

Katja Köhler

Wieso gerade in Wittenberg? Gab es da etwas oder jemand, der oder das den großen Denkern den Weg geebnet hat?
Der wohl wichtigste Weg-Ebner war Kurfürst Friedrich der Weise. Er gründete 1502 die Universität und lud vielversprechende Studenten und Gelehrte ein. Er war sehr weltoffen und förderte viel. So konnten hier neue und auch rebellische Ideen florieren und gedeihen. Damals kamen viele interessante Wissenschaftler nach Wittenberg – Humanisten, Theologen, Künstler, Musiker. Zu Beginn zählte die Universität nur 50 Studenten. 30 Jahre später waren es schon 2.500, das war für einen 2.000-Seelen-Ort sehr viel. Die Uni war europaweit bekannt, nahezu alle Bischöfe aus Skandinavien studierten hier, Wittenberg war die Eliteschmiede Europas.
Diese Ballung an Wissen machte es möglich, dass Luther sich mit vielen inspirierenden Menschen umgeben konnte. Denn all das, was er erreichte, war sozusagen Teamwork. Man beflügelte und unterstützte sich. Philipp Melanchthon gehörte dazu. Er war ein wichtiger Mann im Hintergrund, der Luther zum Beispiel bei der Übersetzung unterstützte. Er war viel sprachgewandter als Luther, ein Universalgelehrter. Und auch Katharina, seine Ehefrau, spielte eine wichtige Rolle.
Und der Kurfürst tat noch mehr: Er sorgte dafür, dass Martin Luther überlebte. Luthers Ideen waren damals mehr als rebellisch. Ohne den Schutz des Kurfürsten wäre Luther vermutlich als Ketzer verbrannt worden. Dann wäre es das gewesen mit Wittenberg, Luther und der Reformation. 
Vieles davon ist heute gar nicht mehr im Bewusstsein der Menschen. Mit unserer kulturellen Bildungsarbeit können wir das aufbrechen. Wir sprechen in unseren Führungen und den Bildungsprogrammen darüber. Und wir haben sogar einen Escape-Room entwickelt, „Tatort 1522“. Das Thema ist der Diebstahl der Bibel, und die Schüler und Gruppen müssen gemeinsam herausfinden, wer die Bibel geklaut hat.

Was macht die Arbeit in den LutherMuseen besonders? Was magst du daran?
Ich mag die Vielseitigkeit. Uns besuchen Menschen ganz verschiedenen Alters, vom Kindergartenkind bis zum Senioren, und allen bringen wir das Thema auf andere Weise näher. Kindern erklären wir die Geschichte ganz greifbar, mit Alltagsmomenten und anhand von Dingen, die sie kennen. Jugendliche holen wir ab, indem sie Aufgaben lösen müssen, indem sie unter anderem ein Reel oder ein TikTok zu einem Mini-Thema drehen. Und Seniorinnen und Senioren hören am liebsten Geschichten über die Lebenswelt von damals. Wenn ich ihnen zum Beispiel erzähle, dass sich Katharina von Bora oft ärgerte, wenn Luther zu viele Gäste mit nach Hause brachte, dann nicken sie und lachen, da sie das auch aus ihrem Alltag kennen.
Ich habe ein tolles Team, zu fünft entwickeln wir neue Konzepte, geben Kurse und führen auch durch die Ausstellungen. Das ist eine tolle Zusammenarbeit. 
Und dann sind da natürlich die Orte, die eine unglaubliche Energie ausstrahlen. Da ich in den Museen arbeite, bin ich auch nach den Öffnungszeiten hier. Manchmal, wenn ich alleine durch die stillen Räume gehe, um zum Beispiel Türen abzuschließen, dann berührt mich das immer wieder: Die Möbel, die Räume, das ist alles noch wie damals. Luther war hier, hat hier gearbeitet, gelacht und nachgedacht. Da empfinde ich eine Hochachtung und eine Wertschätzung, die sonst im stressigen Alltag oft untergeht.

Dein Lieblingsort in den LutherMuseen?
Ich liebe das Katharinenportal. Das ist eine riesige Türeinfassung aus Stein, in der zwei überdachte Sitze angebracht sind. Die Sitzgelegenheit hat Katharina ihrem Martin zum Geburtstag geschenkt. Und in gewisser Weise auch sich selbst, denn hier saßen die beiden immer kurz zusammen und unterhielten sich. Denn oft blieb zwischen all den anderen Verpflichtungen und großen Ideen kaum Zeit dafür. 
Und, das Besondere damals: Sie bezahlte das Portal. An das Geld kam sie durch einen Deal mit Luther. Er bat sie, die Bibel zu lesen, die er nun übersetzt hatte. Sie meinte aber, dass sie dafür keine Zeit habe. Da bot er ihr Geld an und sie nahm es an. Ein Jahr lang hat sie dafür benötigt, und am Ende gab er ihr das Geld, und sie kaufte das Portal. 
Ich erzähle diese Geschichte sehr gerne, da sie den Alltag der beiden beschreibt. Man kann sich so gut vorstellen, wie die beiden hier saßen und sich kurz über Kinder, Haus, Essen und Co austauschten. Das macht Luther viel nahbarer, denn am Ende war er ein großer Reformator, aber auch Vater, Ehemann und Mensch.
Die Gäste dürfen sich sogar auf die Stühle setzen und Fotos machen. Der Rahmen sieht toll aus, egal, wer da sitzt.

Ich empfehle gerne, sich die Werke von Cranach genau anzuschauen. Die Details sind fantastisch und erzählen vom Alltag der Menschen. Das ist sehr beeindruckend.

Katja Köhler

Was darf man sonst in Wittenberg auf keinen Fall verpassen?
Man muss einmal vor der Thesentür gestanden haben, und auch Luthers Grab in der Schlosskirche ist sehenswert.
Die Schloss- und die Stadtkirche, die Cranach-Häuser oder der Markt sind spannende Orte. Alles sieht noch so aus wie zu Luthers Zeiten, da Wittenberg zum Glück nie zerstört wurde. Die Mauern der Stadtkirche hörten die Worte und Gesänge von Luther – das ist eine tolle Vorstellung.
Auch das Asisi-Panorama ist absolut sehenswert. Über das riesige Wimmelbild macht man einen Abstecher in die Geschichte.

Bei dem ganzen Sightseeing und Erleben wird man hungrig. Hast du einen Tipp für uns?
Gleich mehrere. Ich gehe sehr gerne in die Suppenbar Culinela. Dort gibt es Suppen und kleine Snacks, die gut schmecken, schnell serviert werden und nicht zu teuer sind. Die Speisen dort haben sogar Bio-Qualität – viele Einheimische essen dort. Wer abends Lust auf einen Cocktail hat, dem empfehle ich die Charles Bar. Die wird von dem mehrfach prämierten deutschen Cocktailmeister Martin Kramer geführt, der auch den Wittenberg-Gin entwickelt hat. 

Was verbindest du mit der Figur von Katharina von Bora?
Katharina von Bora war eine unfassbare Frau: Sie war fleißig, klug und geduldig und man kann unheimlich viel von ihr lernen. Wir können uns das Haus von Luthers Familie wie eine Art Studentenwohnheim vorstellen. Jeden Tag versammelten sich 15 bis 20 Menschen am Tisch, die versorgt werden wollten. Dazu gehörten natürlich die Kinder der Familie, aber eben auch Studenten. Früher war es ganz üblich, dass die bei ihren Professoren lebten. Zusätzlich nahm die Familie auch oft Waisen auf, es gab also viel zu tun für die Hausherrin.
Luther war sehr großzügig. Er gab sein Geld sehr freimütig an alle, die es benötigten. Katharina verdiente im Hintergrund dazu. Sie kaufte Besitz an – Fischteiche und Streuobstwiesen – und hatte somit eine zusätzliche Einnahmequelle. Eine Zeit lang verdiente Katharina fast genauso viel wie Luther als Professor. Das ist ungewöhnlich für die damalige Zeit.
Jedes Mal, wenn ich Katharina bei einer Stadtführung spiele, bin ich aufs Neue beeindruckt. Das Leben damals war nicht einfach, aber sie hielt Luther den Rücken frei.

Es lohnt sich unbedingt, bis zum Sonnenuntergang zu bleiben. Wer sich dann auf die andere Elbseite setzt, hat einen fantastischen Blick auf die Wittenberger Stadtsilhouette. Die sieht genau so aus, wie man sie auch schon auf Cranachs Bildern sehen kann.

Katja Köhler

Wie bist du dazu gekommen, Katharina von Bora zu spielen? Und wie können wir uns so eine Führung vorstellen?
In Wittenberg veranstalten wir jedes Jahr das große Stadtfest „Luthers Hochzeit“. Es gibt zwei Umzüge, einen für Kinder und einen für Erwachsene, auf denen Martin und Katharina mit ihren Hochzeitsgästen entlangschreiten. Da wollte ich unbedingt mitmachen und bin dann darüber in das Thema reingerutscht. Ich habe einen Stadtführer-Lehrgang gemacht und dann mit meinen Kolleginnen und Kollegen eine Eventführung entwickelt. Die Menschen buchen diese Art von Führung unheimlich gerne, da sie im Kostüm und interaktiv ist. Das macht den Gästen und uns unheimlich großen Spaß.
Wer mitkommen möchte, spaziert mit mir an allen wichtigen Sehenswürdigkeiten vorbei. Was Luther sah und erlebte, sah Katharina von Bora natürlich gleichermaßen. Da die Stadt so gut erhalten ist, ist die Führung wie ein Spaziergang durch die Geschichte.

Wie erklärst du Kindern, was zu Luthers Zeiten in Wittenberg los war?
Das Konzept Vergangenheit ist gar nicht so einfach zu verstehen, deswegen versuche ich, ihnen vieles anhand von Alltagsbeispielen zu erklären. Und es hilft auch, sie direkt einzubeziehen. Deswegen bekommen Kinder bei meinen Führungen immer eine Rolle. Eine Person ist Luther, eine andere Katharina und so weiter. Ich frage sie „Was würde Luther in dieser Situation dazu sagen?“ Das hilft ihnen beim Verstehen, und sie sind ganz stolz, wenn sie Aufgaben lösen oder eine mutige Rolle spielen dürfen.

Hast du noch einen Erlebnis-Tipp für uns?
Ich empfehle sehr gerne einen Besuch der Elbe. Der Fluss liegt nur zehn Minuten mit dem Fahrrad entfernt (Räder kann man in der Stadt ausleihen) und hat kleine Sandstrände und Badebuchten.