Wieso gerade in Wittenberg? Gab es da etwas oder jemand, der oder das den großen Denkern den Weg geebnet hat?
Der wohl wichtigste Weg-Ebner war Kurfürst Friedrich der Weise. Er gründete 1502 die Universität und lud vielversprechende Studenten und Gelehrte ein. Er war sehr weltoffen und förderte viel. So konnten hier neue und auch rebellische Ideen florieren und gedeihen. Damals kamen viele interessante Wissenschaftler nach Wittenberg – Humanisten, Theologen, Künstler, Musiker. Zu Beginn zählte die Universität nur 50 Studenten. 30 Jahre später waren es schon 2.500, das war für einen 2.000-Seelen-Ort sehr viel. Die Uni war europaweit bekannt, nahezu alle Bischöfe aus Skandinavien studierten hier, Wittenberg war die Eliteschmiede Europas.
Diese Ballung an Wissen machte es möglich, dass Luther sich mit vielen inspirierenden Menschen umgeben konnte. Denn all das, was er erreichte, war sozusagen Teamwork. Man beflügelte und unterstützte sich. Philipp Melanchthon gehörte dazu. Er war ein wichtiger Mann im Hintergrund, der Luther zum Beispiel bei der Übersetzung unterstützte. Er war viel sprachgewandter als Luther, ein Universalgelehrter. Und auch Katharina, seine Ehefrau, spielte eine wichtige Rolle.
Und der Kurfürst tat noch mehr: Er sorgte dafür, dass Martin Luther überlebte. Luthers Ideen waren damals mehr als rebellisch. Ohne den Schutz des Kurfürsten wäre Luther vermutlich als Ketzer verbrannt worden. Dann wäre es das gewesen mit Wittenberg, Luther und der Reformation.
Vieles davon ist heute gar nicht mehr im Bewusstsein der Menschen. Mit unserer kulturellen Bildungsarbeit können wir das aufbrechen. Wir sprechen in unseren Führungen und den Bildungsprogrammen darüber. Und wir haben sogar einen Escape-Room entwickelt, „Tatort 1522“. Das Thema ist der Diebstahl der Bibel, und die Schüler und Gruppen müssen gemeinsam herausfinden, wer die Bibel geklaut hat.
Was macht die Arbeit in den LutherMuseen besonders? Was magst du daran?
Ich mag die Vielseitigkeit. Uns besuchen Menschen ganz verschiedenen Alters, vom Kindergartenkind bis zum Senioren, und allen bringen wir das Thema auf andere Weise näher. Kindern erklären wir die Geschichte ganz greifbar, mit Alltagsmomenten und anhand von Dingen, die sie kennen. Jugendliche holen wir ab, indem sie Aufgaben lösen müssen, indem sie unter anderem ein Reel oder ein TikTok zu einem Mini-Thema drehen. Und Seniorinnen und Senioren hören am liebsten Geschichten über die Lebenswelt von damals. Wenn ich ihnen zum Beispiel erzähle, dass sich Katharina von Bora oft ärgerte, wenn Luther zu viele Gäste mit nach Hause brachte, dann nicken sie und lachen, da sie das auch aus ihrem Alltag kennen.
Ich habe ein tolles Team, zu fünft entwickeln wir neue Konzepte, geben Kurse und führen auch durch die Ausstellungen. Das ist eine tolle Zusammenarbeit.
Und dann sind da natürlich die Orte, die eine unglaubliche Energie ausstrahlen. Da ich in den Museen arbeite, bin ich auch nach den Öffnungszeiten hier. Manchmal, wenn ich alleine durch die stillen Räume gehe, um zum Beispiel Türen abzuschließen, dann berührt mich das immer wieder: Die Möbel, die Räume, das ist alles noch wie damals. Luther war hier, hat hier gearbeitet, gelacht und nachgedacht. Da empfinde ich eine Hochachtung und eine Wertschätzung, die sonst im stressigen Alltag oft untergeht.
Dein Lieblingsort in den LutherMuseen?
Ich liebe das Katharinenportal. Das ist eine riesige Türeinfassung aus Stein, in der zwei überdachte Sitze angebracht sind. Die Sitzgelegenheit hat Katharina ihrem Martin zum Geburtstag geschenkt. Und in gewisser Weise auch sich selbst, denn hier saßen die beiden immer kurz zusammen und unterhielten sich. Denn oft blieb zwischen all den anderen Verpflichtungen und großen Ideen kaum Zeit dafür.
Und, das Besondere damals: Sie bezahlte das Portal. An das Geld kam sie durch einen Deal mit Luther. Er bat sie, die Bibel zu lesen, die er nun übersetzt hatte. Sie meinte aber, dass sie dafür keine Zeit habe. Da bot er ihr Geld an und sie nahm es an. Ein Jahr lang hat sie dafür benötigt, und am Ende gab er ihr das Geld, und sie kaufte das Portal.
Ich erzähle diese Geschichte sehr gerne, da sie den Alltag der beiden beschreibt. Man kann sich so gut vorstellen, wie die beiden hier saßen und sich kurz über Kinder, Haus, Essen und Co austauschten. Das macht Luther viel nahbarer, denn am Ende war er ein großer Reformator, aber auch Vater, Ehemann und Mensch.
Die Gäste dürfen sich sogar auf die Stühle setzen und Fotos machen. Der Rahmen sieht toll aus, egal, wer da sitzt.