Landesarchäologe Harald Meller

„Ein geniales Wissensobjekt“

Interview mit dem Landesarchäologen Harald Meller

Landesarchäologe Harald Meller

„Mit der Himmelsscheibe von Nebra wird die Moderne erfunden“

Landesarchäologe Harald Meller

Ein geniales Wissensobjekt und der erste Kalender Deutschlands: Sachsen-Anhalts Chefarchäologe Harald Meller erklärt uns im Interview seine Sicht auf den spektakulären Fund – und er verrät seine Lieblingsplätze in Halle und Nebra.

 

Was macht die Himmelsscheibe von Nebra so einzigartig?
Die Himmelsscheibe ist eines der wenigen Artefakte, die uns die geistige Welt der vorgeschichtlichen Menschen vor 3.600 Jahren verstehen lässt. Worüber philosophierte man damals, welche Weltmodelle und Zeitvorstellungen hatten die prähistorischen Menschen? Vor dem Fund der Himmelsscheibe stocherten wir da ziemlich im Nebel herum, weil wir keinerlei Aufzeichnungen aus dieser Zeit haben. Die Himmelsscheibe gibt uns einen tiefen Einblick in die geistige Vorstellungswelt der Vorgeschichte und ist deshalb von außerordentlicher Bedeutung.

Was haben Sie empfunden, als sie die Scheibe zum ersten Mal gesehen haben?
Ich war völlig begeistert von ihrer Schönheit. Ich war erstaunt von der Qualität der Arbeit und von dem großen Gewicht der Scheibe – sie wiegt 2,3 Kilogramm. Mir war sofort klar, dass es ein sehr bedeutender Fund ist. Gleichzeitig war ich als eine Art verdeckter Ermittler und Mittelsmann da ja mittendrin in einem Krimi, denn Raubgräber hatten die Scheibe 1999 gefunden. Und nun wurde sie uns von Hehlern angeboten. Ich konnte die Himmelsscheibe nicht einfach nehmen und wegrennen, was ich am liebsten gemacht hätte, um sie zu retten. Wir wussten auch gar nicht, ob wir alles bekommen würden – auch die Beifunde, vor allem aber Informationen zur Fundstelle. Das ist uns gelungen, und das war ein großer Glücksfall.

Die Scheibe besteht aus Zinn und Gold aus Cornwall und aus Kupfer aus Salzburg. Das Wissen kommt wahrscheinlich aus dem Vorderen Orient oder aus Ägypten – sie stammt also quasi aus allen Himmelsrichtungen. Hergestellt wurde die Scheibe vermutlich irgendwo zwischen Halle und Magdeburg, eventuell in Pömmelte. Deponiert wird sie dann auf dem Mittelberg bei Nebra, ganz im Süden Sachsen-Anhalts.

Harald Meller

Sie leiten seit damals die Forschungsarbeiten rund um die Himmelsscheibe – was hat sich in dieser Zeit getan?
In den vergangenen 20 Jahren wurden grundsätzlich neue Methoden entwickelt, die es uns ermöglichen, die Scheibe ganz anders zu erforschen. Dabei entdeckt man immer wieder Neues. Am Anfang haben wir die Scheibe mit einem großen Rastermikroskop untersucht. Heute geht das mit digitalen Mikroskopen, die farbecht sind und uns hochauflösende Bilder zur Dokumentation ermöglichen. Man kann heute z. B. auch die Zusammensetzung der Metalle ungleich genauer messen und die Scheibe computertomografieren, um in ihr Inneres zu schauen. 

Was genau zeigt die Himmelsscheibe denn eigentlich?
In erster Linie, wie man einen modernen Kalender im heutigen Sinne machen kann. Das war wichtig für die Menschen damals. Denn wer einen Kalender hat, der kontrolliert die Zeit. Kalender machten immer die Mächtigen, also etwa Julius Cäsar oder Papst Gregor – so entstanden der julianische bzw. der gregorianische Kalender. 

Man sieht auf der Scheibe eine Himmelskonstellation, die im Frühjahr auftritt, wenn der drei bis vier Tage alte Sichelmond zu den Plejaden tritt. Damit zeigt sie letztendlich die Regel des Schaltjahrs. Und die braucht man, um einen validen Kalender zu machen, wie wir ihn auch in der Moderne haben.
Für mich ist die Himmelsscheibe in ihrer Verschlüsselung ein geniales Wissensobjekt. Nur ein Beispiel: Die Scheibe zeigte einst 32 Sterne und die Sonne, und das Verhältnis von 32 zu 33 ist genau das Verhältnis von Mond- zu Sonnenjahren. Das ist alles andere als banal. Gleichzeitig werden mythologische Vorstellungen dargestellt: Ein Schiff, das später montiert wurde, fährt auf der Scheibe über den Himmel und transportiert die Sonne. Nüchterne naturwissenschaftliche Ansätze und mythologische Vorstellungen werden also eng verknüpft.

Was waren das für Menschen damals?
Es waren Menschen wie wir, genauso intelligent, genauso fähig. Sie lebten wie wir in einem organisierten Gesellschaftswesen, so etwas wie einem frühen Staat – mit Militär –, der seine Bevölkerung schützt. Das verbindet die Leute von Nebra mit uns. Wir denken ja heute, dass Arm und Reich oder Stark und Schwach selbstverständlich sind – aber 99 Prozent der Menschheitsgeschichte gab es das nicht. Die Menschen waren frei, trafen als Jäger und Sammler ihre eigenen Entscheidungen und lebten in äußerst flachen Hierarchien. In Nebra wird in gewisser Weise die Moderne in Europa erfunden. Das Prinzip: Du gibst mir Steuern, und ich gebe dir Schutz. Ohne die Himmelsscheibe hätten wir diese Verhältnisse nicht entschlüsseln können. 

Haben Sie Lieblingsorte im Landesmuseum für Vorgeschichte und in der Arche Nebra?
Mein Lieblingsort im Landesmuseum ist das Café. Da treffe ich Menschen, und es gibt dort auch einen schönen Bookshop. Außerdem mag ich den Elefantenraum: Da steht man einem riesigen Elefanten gegenüber und freut sich, dass die Kinder den auch anfassen dürfen. 

In der Arche Nebra ist mein liebster Ort das Planetarium, weil man dort die Himmelsscheibe so gut erklärt bekommt. Und das große Fenster, von dem aus man den Fundort sieht. Toll ist außerdem der große Turm auf dem Mittelberg: Wenn man dort oben steht, dann kann man den Himmel auf Erden sehen, weil ein konvexer Spiegel den Fundort der Himmelsscheibe anzeigt.

Harald Meller

Wie würden Sie Kindern die Himmelsscheibe erklären?
Kindern würde ich sagen, dass es jahrtausendelang völlig egal war, ob man eine Viertelstunde früher oder später kam, weil man das gar nicht so genau wusste. Man hat sich einfach nach der Sonne gerichtet. Und nach den Jahreszeiten. Irgendwann später gab es dann so etwas wie Staat, Macht, Herrschaft. Das ist aber nicht naturgegeben. Aber wenn es das alles gibt, dann ist die Zeit ein Machtinstrument. Wer über die Zeit herrscht, herrscht über die Menschen. Deshalb erfinden die Mächtigen die Zeit. Das erste Instrument, mit dem man die Zeit gut messen und organisieren konnte, das war die Himmelsscheibe. 

Was haben Sie in letzter Zeit neu entdeckt?
Das Ringheiligtum von Pömmelte – mit dem man auch die Zeit messen und sichtbar machen kann. Neben dem Ringheiligtum haben wir die größte frühbronzezeitliche Siedlung Mitteleuropas entdeckt. Dort lebten die Menschen, die hinter der Himmelsscheibe stehen. Pömmelte ist für mich das Stonehenge Deutschlands. Wir graben dort seit zehn Jahren intensiv.

Was sollte man in Halle und Nebra außerdem nicht verpassen?
Den Halleschen Marktplatz, weil er einer der schönsten und größten Marktplätze Deutschlands ist – mit fantastischen Gebäuden wie dem Roten Turm, der Marktkirche und den Kaufhäusern des frühen 20. und späten 19. Jahrhunderts. Außerdem sollte man die Franckeschen Stiftungen anschauen, die Welterbe-Kandidat sind. Kindern gefällt dort vor allem die Naturalienkammer. Und am Schluss lohnt noch die Moritzburg – dort ist grandiose Kunst ausgestellt. Wenn man in Nebra ist, sollte man auch ins nahe gelegene Memleben fahren und sich den Ort anschauen, an dem zwei deutsche Kaiser starben, die auch unsere Jetztzeit prägen. Hätte Otto der Große nicht 955 am Lechfeld die Ungarn geschlagen, dann würden wir heute vielleicht nicht in dem Staat leben, in dem wir leben.

Was fasziniert Sie an Archäologie?
Dass man durch sie jene 99 Prozent der Menschheitsgeschichte, die im Dunkeln liegen, aufklären kann. Und dass man immer Neues entdeckt, wie zum Beispiel die Himmelsscheibe, was dann möglicherweise den Blick auf die Vergangenheit verändert. Wenn man in der Archäologie so weit in die Vergangenheit blickt, versteht man meiner Meinung nach besser, was den Menschen ausmacht. In der Vorgeschichte kommt der einzelne Mensch in seiner Individualität zum Tragen, als Teil einer Gruppe, in der er sich geborgen fühlt. Er ist noch nicht ein kleines Rädchen in einem großen Gefüge.

Warum gibt es in Sachsen-Anhalt so viele Welterbestätten?
Sachsen-Anhalt hat so viele einzigartige Kulturschätze, weil das Bundesland im Herzen Europas auf den zum Teil fruchtbarsten Böden Deutschlands liegt. Es war immer ein zentraler Verkehrs- und Innovationsraum. In Sachsen-Anhalt schlägt über viele Jahrhunderte das Herz Deutschlands.